Franz Mahlke
HEIMKEHR
Treppauf, treppab - treppauf, treppab - und an jeder Tür murmelte er dieselben Worte: Ein armer Handwerksgeselle - - -; aber oft fiel die Tür hart ins Schloß zurück, ehe er seine Bitte abgespult hatte. Ein Haus nach dem andern kam heran, eine Straße nach der andern, tagaus, tagein, treppauf, treppab. -
Klaus Windeleit, der Müllergeselle, war zum Philosophen geworden in den Wochen der Sorge um das tägliche Brot. Die Häuser der Großstadtmenschen sind meistens Festungen, - sagte er vor sich hin. Harte Worte sind ihre Geschütze, die in das Herz der wandernden Gesellen verheerend einschlagen und wohl auch anderswo, - in ihre eigenen Behausungen, wo die Menschen sich untereinander Leid bereiten und sollten doch nur Liebes tun in diesen harten Tagen an den ihrigen, wie an Herd- und Heimatlosen; aber es sind deren so wenige.
Die Flocken fielen ganz dicht. Klaus Windeleit schritt vornübergebeugt, den Mantelkragen hochgeschlagen, dem nächsten Hause zu. Vor einer breiten zweiflügligen Tür stand er. An dem Schloßbeschlag war keine Klinke. Über einem Klingelknopf las er: Zum Schulhausmeister. Es war ihm, als faßte ihn augenblicks ein Sturm. Er lehnte sich ein wenig in die Mauernische und fuhr mit der Hand müde über die Stirn. Es war, als rührte etwas an seinem Herzen. Er richtete seine Blicke nach innen und sah der Heimat selige Gefilde, - das Dorfschulhaus, wie es so dasaß unter dem breiten Lindenschirm, den alten Lehrer im weißen Seidenhaar, der immer so gütig blickte, der ihm manchmal die Hand auf den blonden Scheitel gelegt hatte und mit weicher Stimme dann sagte: Mein lieber Sohn - -
Der greise Dorfschullehrer war eigentlich der einzige gewesen, der sich die Mühe gemacht hatte, den kleinen Garten das hungrige Knabenherz - zu bestellen, - nicht bloß von berufswegen, nein, weit über das Maß seiner Amtspflichten hinaus, nach den gottgegebenen Geboten der Menschenliebe. Sie haben ihn lange begraben, den guten Mann, nach seinem Wunsch unter einer sinnenden Birke, die er selber einmal als wildwachsendes Bäumchen vom Raine genommen und in den Friedhofsgrund gesetzt hatte. Nun regnen die Finkenlieder im Sommer auf ihn herab und im Winter die silbernen Sterne. Klaus Windeleit lehnte noch immer in der Nische der Schulhaustür, seinem Traum nachgehend, der doch soviel Wirklichkeit barg. Ihm fiel die Stunde ein, da der gute Lehrer seine Knabenhand warm umschloß und ihm die Geschichte erzählte, die sein kleines Herz so wehe verkrampfte, als er sagte: Klaus, auf blaßblühendem Windengerank an der Bruchleite, nahe dem Walde, fand ich dich in der Sonnenfrühe eines Junimorgens im Arm deiner sterbenden Mutter - -
Er legte die Hand auf die Augen und weinte ein paar heimliche Tränen. Aber er fragte nicht mehr mit dem tausendmal gewendeten Warum das Schicksal. Daß seine Mutter dennoch eine Heilige war, obgleich ortsfremd und als Ungekannte begraben, das hatte der alte Lehrer gesagt, und niemand brauchte es ihm mehr beweisen. Heiße Sehnsucht bewegte sein Herz. Wallfahrten möchte er zu den Gräbern der beiden Heiligen auf dem Dorffriedhof am Walde.
In einer Schulklasse hob sich engelflügelnd ein Lied. Das Fittichwehen umrauschte ihn. Er richtete sich hoch auf und lauschte - lauschte - das Lied von der Heiligen Nacht bewegte so glitzernd die Schwingen. Die eigene Kindheit feierte eine Auferstehung. Er sah den Christbaumglanz in der Dorfheimat, den lieben Schullehrer im langen schwarzen Rock. Wie die milden Sonnen seiner Augen auf dem kleinen Völklein ruhten! Und von dem Wunder zu Bethlehem sprach er wie ein Apostel der Güte. Das Weihnachtsglockensummen meinte er zu hören, hier in der verschneiten Vormittagsstunde des Schulwinkels einer Großstadtstraße. Hörbar hämmerte sein Herz. Fort! Fort! schrie es in ihm.
Er lief aus dem breiten Türbogen in das Schneegestöber hinein, griff in die Taschen, wendete und suchte immer wieder. Es waren 87 Pfennige. Er eilte zum Bahnhof. Seine Augen suchten fiebernd auf der Fahrpreistafel. Da stand es: Barkenbruch - 12,60 Mark.
Da verließ er betrübt die Halle, schritt schlürfend die Freitreppe hinunter in den schneeverwehten Dezembertag. Planlos irrte er durch die halbbebauten Straßen, vorüber an Schuppen und Lagerplätzen. Er folgte einem scheitebeladenen Wagen, der in eine offene Toreinfahrt einbog, zog tief seinen wetterzerzausten Hut vor dem wohlwollend dreinschauenden Lagerplatzverwalter:
"Bitte, geben Sie mir Arbeit, bitte!" bat Klaus Windeleit.
Der Verwalter sah ihn prüfend an.
"Ich bitte Sie herzlich darum, geben sie mir Arbeit, nur Arbeit!" bettelte er.
"Wenn Sie ehrlich wollen, können Sie bei freiem Essen bis zum Weihnachtsfest noch etwa zwanzig Mark verdienen.
Freude und Dank zuckten Klaus durch die Adern. In den nächsten Minuten stand er unter einem Schuppen, und die Späne flogen.
*
Im Halbdunkel des sinkenden Tages schritt Klaus Windeleit auf der Landstraße, an der seine Mutter ihr junges Leben opferte, um ihm das Leben zu schenken. Er hatte glitzerndes Engelshaar in der einen Tasche und in der anderen ein Paket bunte Lichte. Bald bog er in dichtes Gehölz ab und kehrte nach einigen Minuten auf die Landstraße zurück, zwei kleine Christbäume im Arm.
Als er ins Dorf kam, blickten vom Himmel die Sterne hernieder. Aus den Bauernstuben fiel mattes Licht auf die Dorfstraße. Männer, Frauen und Kinder wankten wie schwere Schatten zwischen den Gehöften dem Kirchlein entgegen, in dem die Christbaumkerzen brannten. Die Orgel präludierte, dann sang die Gemeinde: Vom Himmel hoch, da komm ich her - -
Zwischen den verschneiten Gräbern, nicht weit vom Gotteshause bewegte sich eine dunkle Gestalt. Klaus Windeleit besuchte die Gräber seiner Heiligen. Nach einigen Minuten floß Kerzenlicht über das Glitzergold zweier kleiner Christbäume. Seine Hand ging streichelnd über die weiße Schlafdecke seiner Mutter und über die seines Lehrers. Dann schlich er sich fort ins Kirchlein. Hinter einem baumstarken Träger des Chorgestühls stand er. Die Orgel jubelte das Ausgangslied: O, du fröhliche - - -
Als die Dorfleute aus dem Kirchlein kamen, schimmerte es weihnachtlich von zwei vergessenen Hügeln her. Ihre Augen wurden weit. Sie riefen den Pfarrer, und alle standen verwundert an den beiden Gräbern.
Im Kirchlein hinter dem Träger des Chorgestühls fanden sie kniend Klaus Windeleit, die Augen wie Kerzen auf das Krippenwunder am Alter gerichtet. Der Pfarrer nahm ihn an den Arm wie einen heimgekehrten Bruder, und Klaus Windeleit fand der Weihnachtswunder schönstes wieder: Heimat - und - - Liebe.
Franz Mahlke: "Es gibt Menschen, die wundern sich darüber, daß ich immer singen muß. Man befragt mich und will viel wissen von mir und meinem Heimathause. Ich freue mich jeglicher ehrlichen Anteilnahme an meinem Leben und meiner Arbeit. Und weil ich gebeten worden bin, hier etwas davon zu erzählen, tue ich es gern.
Kennt ihr das unbedeutende Städtchen Hammerstein in der Grenzmarkprovinz Posen-Westpreußen? Dort hat mein Vater, der wie Hans Sachs allzeit singende und fabulierende Schuhmachermeister, in das Geburtsregister eintragen lassen, daß seine Ehefrau Wilhelmine, geb. Merker am 29. Mai 1885 von einem Sohne entbunden worden sei, der die Namen Franz Friedrich Wilhelm tragen soll. Ich kann mir denken, daß er die Angelegenheit sehr wichtig genommen hat. Er war ein Soldat voller Schwung, und darum bekam ich diese majestätischen Namen. Er hat den soldatischen Schwung heute noch. Mein Heimatstädtchen war ja eine Soldatenstadt. Was war das für ein buntes Treiben, nicht nur auf dem Truppenübungsplatz, auf dem alle vier Wochen die Besatzung wechselte, auch im Städtchen selbst machte sich der sommerliche Besuch in seiner Vielgestalt bemerkbar. Da gab es Artilleristen, Infanteristen, Dragoner, Kürassiere, Leibhusaren u. a. oft gleichzeitig zu sehen. Wenn fernher Musik das Anrücken einer Truppengattung ahnen ließ, eilte das Jungvolk den Soldaten entgegen. Die andern standen vor den Häusern und warteten. Ein lange verklungenes Lied wird in mir wach:
Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren.
Öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen.
Ach, es war schön, wenn wir Jungen nebenher und hinterdrein trabten, zum Schießplatz, wie wir kurz sagten. Mit diesem Truppenübungsplatz verbinden sich allerlei romantische Erinnerungen aus Kindertagen. Ich denke da zum Beispiel an den Kommißbrothandel, den wir Jungen mit den Soldaten trieben. Da wurde von Fenster zu Fenster gefragt - die Kasernenräume durften wir nicht betreten - und um fünf Pfennige gefeilscht. Es regelte sich auch dort aller Handel nach dem Grundgesetz Angebot und Nachfrage. Wenn wir Jungen dann, die "Marktlage" klug erkennend, die Preise drückten und für ein Sechspfundbrot etwa 20 Pfennig boten, da kam es vor, daß wir statt des Brotes unversehens einen Guß aus dem Waschbecken bekamen. Oder wir wurden, wenn wir zu Zeiten der Sperre uns doch Wege in das Lager suchten, ein paar Stunden zu "Vater Philipp" in Gewahrsam gebracht. Wem das passierte - und mancher legte es gerade darauf an -, der fühlte sich schon ein richtiger Soldat.
Und dem Kugelsammeln waren die meisten Jungen jener Zeit, berufsmäßig möchte ich sagen, verbunden. Ich nicht! Die blanken Zünder, die Schrapnellhülfen und Sprengstücke, selbst die kleinen Bleikugeln habe ich nie geliebt. Der Kanonendonner ist grollend schon durch meine Wiegenträume gegangen. Aber ich habe mich niemals im Leben daran gewöhnen können. Und wenn ich heute als Mann um die in den Staub getretenen Rechte meines Volkes und im besonderen um die der Heimat kämpfe, so führe ich diesen Kampf auch lieber mit den Waffen des moralischen Gesetzes in mir als mit menschenmordendem Eisen. Ich habe zu viel Unmenschliches, Menschenunwürdiges gesehen und gehört im letzten Kriege, darum! - Kriege bleiben ein demoralisierendes Geschäft, für den Besiegten wie für den Sieger. Wenn die Sieger im Weltkriege es auch nicht glauben wollen, die bloße Tatsache ihrer Aufrüstung allein straft sie Lügen, da sie von Abrüstung reden. Mehr Ehrfurcht vor dem Sittengesetz - statt Giftgasküchen!
Ich war schon als Junge solchen Aufgaben ergeben, die in den Bezirken des Seelischen liegen. Eine sanft führende Hand, ein heiter-friedsames Herz - das sind Gaben, deren ich mich dankbar freue und die als das innere Rüstzeug des ebenso schweren und verantwortungsvollen wie beglückendes Erzieherberufes gelten dürfen. Und so wurde ich Lehrer, wurde es gern und bin es noch mit ganzem Herzen. Meine Schulmädchen sind Blumen im Garten Gottes, und ich beobachte eine jede sehr aufmerksam und hege sie mit meiner besten Liebe. Nun bin ich über meine Schulklasse hinaus ein Erzieher meines Volkes, nicht ein vorlauter Besserwisser, nur ein Mensch, der geistig-seelisches Wertgut zu schaffen sich müht und das an die Brüder weiterzureichen ihm Aufgabe erscheint und Freude ist. Die Anfänge dieser im weitesten Sinne volkserzieherischen Tätigkeit reichen bis in die Jahre zurück, in denen ich als Lehrer in den Kreisen Kolmar und Czarnikau wirkte. 1911 ging ich nach Berlin, um auf der Universität meine philosophischen, insbesondere literarischen und kunstgeschichtlichen Kenntnisse zu vertiefen.
Der Krieg führte mich nach Rußland. In den Sümpfen vor Riga erkrankte ich und kehrte nach längerer Lazarettbehandlung als kriegsunbrauchbar 1917 in den Berliner Schuldienst zurück.
Wenn ich über der neuen Karte meiner Heimatprovinz sinnend sitze, wenn ich die Briefe von Freunden jenseits der Grenzpfähle lese, die von Schikanen der neuen Herren berichten, oder wenn, wie mir kürzlich einer erzählte, der dabei war, wie "mein Dorf" in den Grenzkämpfen ein rauchender Trümmerhaufen wurde, dann wird mir das Herz schwer. Dann machen sich meine Gedanken auf wie nestsuchende Tauben und fliegen mit dem Winde, der am Giebelfenster meines Sommerhauses vorüberstreicht.
Hurtig läuft meine Feder hinter dem kleinen Fenster meines Hauses am Walde, das ihr hier im Bilde seht. Meine Birken und Kiefern ächzen im Herbststurm. Das Herz eines Raben ist voller Klage. Ich aber habe eine Warme Stube in meinem Birkenhof am See, ein paar Meilen weit weg von der lärmvollen, dunstverhangenen Stadt. Und liebe, leise Hände sind um mich. Ja, meine Frau ist mein bester Kamerad."
Sommerheim von Franz Mahlke |
Franz Mahlke |
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