August Blanke

 

AUS SCHLOCHAUS VERGANGENEN TAGEN (FRAGMENT)

 

Anhang

Kleine Mitteilungen

1427 starben in Ordenspreußen an der Pest: 138 Ritter, 3 Bischöfe, 560 Domherren und Priester, über 38000 Bürger und Bauern, 25000 Knechte und Mägde und an 18000 Kinder, im ganzen über 81000 Menschen. Wie sehr Schlochau davon betroffen wurde, ist unbekannt.

Brillowski, Provinzialblätter 1829.

1554, in der Schlacht am Heerbruch, bei Konitz, stand der Polenkönig Kasimir am östlichsten Ende des Gr. Amtssees.

Benwitz, Provinzialblätter 1830.

1612 schickte der Erzbischof von Gnesen nach Konitz zwei Jesuiten, von denen der eine für den Unterricht, der andere für Missionen in der Umgegend bestimmt war. Ihre Zahl stieg rasch bis auf 15. 1638 verlieh ihnen der poln. Reichstag das Recht des Güterkaufs, und sie brachten nach und nach die Dörfer Niesewanz, Döringsdorf, Mosnitz und Heringsdorf in ihren Besitz, gründeten das Gymnasium und bauten 1718-38 die Gymnasialkirche.

1623 fand in Konitz ein großer Hexenprozeß statt. Angeklagt waren: der Stadtdiener Splittstoßer, seine Frau Barbara, sein Sohn Georg und der Knecht Lorenz Lewen. Auf der Folter sagten sie alles aus, was man wünschte; die Frau z. B., daß sie in Hammerstein von einem Weibe einen bösen Geist, Nickel genannt, erworben, mit ihm gebuhlt, auch jährlich in der Walpurgisnacht den Blocksberg besucht habe, der ein Berg bei Hansfelde im Schlochauischen gewesen, daß sie dort mit andern Hexen auf der ausgespannten Leine getanzt hätte, daß sie auf dem Hin- und Rückwege auf einer "Garstell" durch den Schornstein geflogen sei usw. Alle 4 wurden auf die grausamste Art hingerichtet, Splittstoßer an 4 Stellen des Marktes mit glühenden Zangen zerrissen, nachdem ihm vorher 2 Finger der rechten Hand, womit er der Stadt Treue geschworen, abgehauen worden. Sein Körper wurde in 4 Stücke zerhauen und diese öffentlich an einen Pfahl gehängt, der Kopf auf eine Stange gesetzt. Frau Splittstoßer und der Knecht Lewen erlitten den Feuertod, der noch minderjährige Sohn starb durch das Schwert.

1657 wütete in Schlochau und Umgegend die Pest so, daß man befürchtete, der ganze Ort würde aussterben. Da erschien, der Sage nach, ein Fremdling im Städtchen, und erbot sich, für 3 Floren (ungarische Gulden) die Pest zu bannen. Sein Erbieten wurde angenommen. Nun suchte er im Wäldchen, das damals Kujawa hieß, eine Eiche aus, die in Manneshöhe ein faustdickes Loch im Stamme hatte, fertigte einen genau hineinpassendes Pflock aus Lindenholz an, versah ihn allerhand wundersamen Figuren und legte ihn nebst einem Beil am Stamme nieder. Als der Mond aufging, nahm er den Dudelsack und schritt blasend durch die Straßen nach dem Wäldchen. Dort umkreiste er die Eiche in immer engeren Spiralen, und sowie er an den Baum gelangte, ergriff er den Pflock und schlug ihn blitzschnell mit dem Beil in das Loch hinein. Die Pest war gebannt und hat sich seitdem auch nicht mehr gezeigt.

1740 glaubten die Konitzer Glaser, daß der böse Geist ihrem Geschäfte Schaden zufüge, und, obgleich sie Protestanten waren, wandten sie sich an die Jesuiten, die dem Übelstande abhalfen.

1742 wurde der Konitzer Magistrat mit dem Kirchenbann belegt, weil er sich weigerte, die 1733 im Innern ausgebrannte kath. Pfarrkirche wieder herzustellen. Obwohl fast ganz lutherisch, hielt es der Rat doch für geboten, ein demütiges Schreiben an den Erzbischof zu richten und den Wiederaufbau zu versprechen. Der Starost Radziwill verpflichtete sich, das Bauholz unentgeltlich zu liefern, und als 1759 der Wetterhahn auf dem Kirchturm saß, konnte die Stadt vom Banne befreit werden.

1762 war der Schlochauer Landrichter Pawlowski nicht von der Meinung abzubringen, daß er das Recht habe, nach einem mit dem Konitzer Scharfrichter getroffenen Übereinkommen jedem Gefangenen, der einen Fluchtversuch machte, ein Brandmal aufdrücken zu lassen. Bürgermeister Goedtke (Konitz) hielt es für nötig, eine ausführliche Denkschrift darüber aufzusetzen, in welcher er den Nachweis lieferte, daß die Strafe des Brandmals nach römischem und deutschem Rechte unstatthaft sei.

1770 stand die Funkermühle bei Konitz still, weil ein Hund in das Mühlenrad gekommen und getötet worden war. Die Schloßobrigkeit von Schlochau mußte unter Aufnahme eines Protokolls in Gegenwart von Zeugen die Mühle wieder "ehrlich" machen und in Betrieb setzen.

Borowka, Sage und Geschichte von Konitz.

1787 fiel in Penkuhl ein Ochs. Darauf wurde eine ganze Familie der Zauberei angeklagt. Es erfolgten Prügeleien und beinah Totschläge, bis es den Beschuldigen gelang, sich durch ein Attest der Fr. Somnitz zu rechtfertigen. Gen. Frau wohnte in Gr. Maslowitz bei Bütow. Sie erklärte plötzlich in einem Anfall von Gliederzuckungen, daß ihr die Bochert'sche, die Dummer'sche u. a. Weiber den Teufel in Gänsefleisch eingegeben hätten. Gleich danach fing sie an zu wahrsagen unter einem ungeheuren Zulauf, daß förmliche Walfahrten zu ihr stattfanden. Ihrem Ehemann, einem ehemaligen Gardeunteroffizier, wurde endlich dies Treiben zu bunt, und er wandte sich an den König mit der Bitte, die Teufel auszutreiben. Daraufhin besuchte der Landrat die Besessenen und ordnete deren ärztliche Behandlung an. Bald brach auf ihren Köpfen die Wahrklatte (Weichselzopf) aus und alle Phantasien hatten ein Ende.

Schmitt, Provinzialblätter 1853.

1825/26 nahmen sämtliche Handwerker der Stadt, auch Frauen und Kinder, an den Chausseearbeiten teil (große Not). Der Landrat musterte täglich die Schar der Arbeitswilligen und ließ den Lohn in Korn, Mehl und Salz verabfolgen. "So verdienten die Leute," wie der Magistrat bemerkte, "wohl Brot, aber kein Geld, um ihre Abgaben zu bezahlen." Der Stadtsäckel litt daher an chronischer Leere, und die städtischen Beamten wurden auf bessere Zeiten vertröstet.

Akten des Stadtarchivs.

1826 erkrankten in Prechlau an einer bösartigen Nervenkrankheit 314 Personen, von welchen 35 starben.

Provinzialblätter 1829.

1851, am 28. 7., gegen 4 Uhr nachm., fand bei klarem Himmel eine totale Sonnenfinsternis statt. Am Firmament erschienen Sterne. Das Weidevieh eilte brüllend und blökend heim, das Geflügel barg sich ängstlich in die Ställe, und die Vögel suchten piepsend ihre Verstecke. Die Luft nahm eine rauchige Farbe an und verursachte eine eigentümliche Beklemmung.

Döring, Provinzialblätter 1851.

Die strengsten Winter des vergangenen Jahrhunderts waren: 1812/13, 1849/50, 1888/89.

1900, am 11. 3., verschwand in Konitz der Obertertianer Ernst Winter. Am 13. entdeckte der telegraphisch herbeigerufene Vater am Ausflusse des Mönchsees im Eise eine Bruchstelle, aus der er ein in braunes Packpapier eingewickeltes Paket hervorzog, worin sich der Oberkörper des Vermißten ohne Kopf und Arme befand. Die Polizei wurde aufmerksam und holte noch am selben Tage den Unterleib ohne Beine aus dem Mönchsee. Nach und Nach fand man zerstreut an verschiedenen Stellen die übrigen Körperteile und auch die Kleider des Unglücklichen. Der erste Verdacht der Täterschaft lenkte sich auf den christlichen Fleischermeister Hoffmann, dessen Tochter öfter im Winter zusammen vor der Haustür gesehen worden war. Als jedoch eine eingehende Haussuchung nicht den geringsten Anhalt ergab, glaubte man den Täter in der Person des jüdischen Fleischermeisters Levy, der Hoffmanns Nachbar war, zu kennen. Die weitverbreitete Meinung, daß die Juden zur Herstellung ihres Osterbrotes Christenblut verwenden, die Nähe des jüd. Osterfestes (14.-21. April), die Blutleere der Leichenteile u. a. Umstände erzeugten den Glauben an einen Ritualmord und es begann eine unsinnige Judenhetze. Man spie vor ihnen aus, rief ihnen "Hepp, hepp" nach, warf ihre Fensterscheiben ein usw. Auch in Schlochau fanden Zusammenrottungen und Ausschreitungen aller Art statt. Nach Konitz aber mußte aus Graudenz eine Kompanie Infanterie beordert werden, die ein ganzes Jahr dort einquartiert blieb und Ruhe und Ordnung aufrecht hielt. Die Mordtat ist bis heute unaufgeklärt geblieben.

Nach Borowka.

Früher gab es in Schlochau mehrere Windmühlen. Eine solche stand auf dem Galgenberg (...); sie wurde 1904 abgebrochen. Eine zweite, nicht weit hinter den Scheunen, rechts von dem nach Lindenberg führenden Weg, erhielt sich etwa bis 1908. Gegenwärtig gibt es nur eine auf den "Damerauer Hufen", links von der nach Hasseln führenden Straße.

1915 kam eines Nachmittags aus dem Stadtwalde ein "Zwölfender" in die Stadt gelaufen, durchrannte die Lindenberger-, Berliner- und Königstraße, bog bei der Brauerei rechts nach dem Wäldchen ab und blieb im Moor stecken, worauf er vom Jagdpächter erlegt wurde.

1920, am 31. 1., nahm Polen von Konitz und Umgegend Besitz. Gegen 3 Uhr nachm. zog ein Bataillon Infanterie nebst 4 Batterien Artillerie zur Stadt herein und stellte sich auf dem Markte auf. Die Frau Starostin übergab dem Kommandeur einen Blumenstrauß, der neue Landrat wie der Stadtpräsident entboten ihren Gruß. Darauf wurde einer als gefesselte Polonia auftretenden Dame "von den Befreiern die Bande der Knechtschaft" gelöst. Gegen 5 Uhr bezogen die Truppen ihre Quartiere, rotteten sich aber bald am Denkmal Wilhelms I. zusammen, gaben scharfe Schüsse auf die Figur ab und rissen sie mit Seilen, die sie an ein Automobil knüpften, vom Sockel herunter. Nun schritt die Polizei ein und ließ das Standbild auf einem Rollwagen ein einen Schuppen schaffen.

Dr. Correns, Schicksalstunde.

1923 ertrankten im Kl. Amtssee 2 und 1925 im Gr. Amtssee 2 Personen.

1924/25 war der Winter so mild, daß ununterbrochen gebaut wurde. Schnee gab es überhaupt nicht, Frost nur um Neujahr und im März, so daß der See zufror.

Bis 1924 bot der Maschinenplatz in dem Winkel zwischen der Lichtenhagener und Damnitzer Chausee einen abstoßenden Anblick. Seine Planierung verdankt er dem Raiffeisen.

Bei den Bohrungen am Kl. Amtssee (1925) zeigte der Boden: 12-15 m gelblichen, lehmigen Sand mit Steinen (Gerölle), 40-45 m grauen, festen Ton mit kleinen, glatten Steinchen (Schwemmland), dann grauen, groben und feinen Sand mit Bernstein- und Braunkohleneinschlüssen (Tertiär). Diese unterste Schicht muß demnach früher oben gelegen haben und bewaldet gewesen sein. Die Bohrlöcher sind, vom Hexenturm angefangen, 90, 80 und 65 m tief.

1925 wurde die Bahnhofstraße längst des Sees neu gepflastert. Das alte Steinpflaster hat man aufgerissen, höher gelegt, mit Erde beschüttet und mit grauen Granitwürfeln, die aus der Lausitz stammen, belegt. Die bedeutenden Erdmengen sind mittelst Loren von dem Berg am See herbeigeschafft worden. Dort grub man mehrere, schön verzierte Urnen aus, die leider in Scherben zerfielen.

Im selben Jahre erwarb die Stadt den Nordosthang des Galgenberges und das Land vor der Realschule zu Bauplätzen. Auf ersterem Grundstück erstanden im Sommer 5 Wohnhäuser. Im Winter wurde der Bergabhang von Erwerbslosen schräg abgestochen und in die Senke vor den Häusern abgefahren, ebenso der Hügel von der zweiten Bauparzelle.

 


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